Texte

Dr. Gabriele UelsbergGefühlstemperamente auf Leinwand

Eckart Roese: Sanguinische Malerei

Sandra Grünwald: Kampf der Farben

Liebespaar 2, Detail, Öl über Tusche auf Leinwand, Original: 154 x 331 cm, 2013

Gefühlstemperamente auf Leinwand
von Dr. Gabriele Uelsberg

Eckart Roese ist Maler, aber seine Malerei ist ebenso tief und fest in der Gattung der Zeichnung verwurzelt wie in der nahezu ­gestisch-plastischen Dimension eines expressiven Duktus. Die Verknüpfungen zwischen den Linien, die sich tänzerisch über die Fläche bewegen und die die Formen und Strukturen nahezu auflösen und der plastischen Materialität von Farben und Pigmenten, die in sowohl lichten wie verdunkelnden, starken Farbakzenten auf die Leinwand oder auf den Malgrund gesetzt sind, vermitteln sich unter der Maßgabe einer expressiven Gegenständlichkeit immer wieder neu in seinen Arbeiten zu narrativen Bildkompositionen, die stets an der visuellen Erfahrung orientiert sind und darüber hinaus oft an der mythologischen oder antiken Welt und deren symbolischen Erzählungen anknüpfen.

Eckart Roese selbst nennt seine besondere Form der Auseinandersetzung mit Bildwirklichkeiten „Sanguinische Malerei“. Er wählte diesen Titel, um darauf aufmerksam zu machen, dass seine Intention darin liegt, Gegensätzlichkeiten der Wahrnehmung und des Ausdruckes in der Malerei miteinander zu versöhnen. Es finden sich in seinen Bildern immer wieder auch scheinbar unvereinbare materielle Umsetzungen – wie pastose, fast plastische Malerei mit transluziden Tuscheflächen; dünnflüssige Farbstrukturen neben dreidimensional aufgetragenen Liniaturen; und Überlagerungen neben fast unbearbeiteten Flächen. Der flüssige und schnelle Pinselduktus eines Zeichenpinsels ist in seinen Arbeiten ebenso präsent wie die Quaste des Ölmalpinsels, der die Strukturen der Farbpaste mit Kraft und Vehemenz in den Untergrund einarbeitet.

Die zum Teil sehr grossformatigen Arbeiten von Eckart Roese sind deshalb bisweilen gar nicht so leicht in eine ganz bestimmte Gattung einzuordnen. Natürlich sind es gemalte Bilder, aber auf manchen dieser Gemälde gibt es ganze Passagen, die eher an ein Aquarell oder an eine Tuschezeichnung gemahnen, als an die Präsenz und Stofflichkeit von Ölmalerei. Roese gestaltet die verschiedenen Elemente seiner grossformatigen Werke gleichsam in Schichtung, indem er die Farb, Form und Zeichnungselemente nebeneinander stellt, überlagert, übermalt und wieder übermalt und so der Bildoberfläche eine Multiperspektive verleiht, die den Betrachter in eine ­unaufhörliche Auseinandersetzung mit den verschiedenen Bildelementen und Bildebenen zwingt.

Eckart Roese hat vor seinem Studium an der Düsseldorfer Kunstakademie bei dem Maler Markus Lüpertz bereits bei Rudolf Schoofs an der staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart studiert.

Beide künstlerischen „Väter“ sind in ihrer Prägung auf Zeichnung und Malerei sehr eindeutig, aber weisen beide in ihren Arbeiten auch durchaus auf die jeweils andere Technik hin.

Auch die großen Zeichnungen von Rudolf Schoofs weisen hohe malerische Qualität auf und die Werke von Markus Lüpertz sind in ihrer Zeichenhaftigkeit und der Verbundenheit mit der Linie nicht nur partiell sondern generell unmittelbar der Malerei und der Zeichnung zuzuordnen.

Aus dieser besonderen Dialektik entwickelte Eckart Roese für sich eine Malerei, die sich gleichsam wie eine Tandemsituation von Zeichnung und Gemälde versteht, denn hier werden die Elemente nicht nur gleichzeitig in einem Bild genutzt, sondern man gewinnt den Eindruck, dass es sich um zwei Elemente der Darstellung handelt, wie sie in einem „Mehrplattendruck“ übereinander, nebeneinander und hintereinander gesetzt sind und so eine optische Einheit bilden, die gleichzeitig ihre Unterschiedlichkeit thematisiert.

Betrachtet man das Bildprogramm von Eckart Roese einmal weniger unter dem Aspekt mythologischer Vorlagen, die er in bewusster Adaption barocker und spätbarocker Meisterwerke der Kunstgeschichte zitiert – wie Werke von Delacroix oder Rubens – so wird deutlich, dass die Mythologie der Themen zum einen an der ­archaischen Themensprache orientiert ist, zum anderen aber auch an den Elementen der Körperlichkeit, der Bewegung und der plastischen Präsenz des Dargestellten.

Die Fülle und die Opulenz der Malerei von Eckart Roese findet hier ein Analog in den Themen und Motiven des Dargestellten. Sei es ein Herkules oder eine Amazonenschlacht, seien es so kraftvolle Akte wie der „Raub der Europa“ oder ein „Trunkener Dionysos“, das Repertoire der Motive und Themen bedingt eine Qualität der Malerei, die nicht in der Ruhe und Kontemplation weder des Malers noch des Betrachters angesiedelt ist sondern in der Vehemenz und Virilität der Situation.

Roese selber sagt dazu: „Noch immer vertrauen wir Menschen vorrangig dem, was wir körperlich erfahren“. Aber auch Situationen aus der „Realwelt“, die Roese unmittelbar in einer momentanen Situation ansprechen, können in den Bildern Umsetzung finden wie in seinen Bildern zum Tanz. Aber stets sind auch die „zeitaktuellen“ Themen nur Ausdruck einer archaischen körperlichen Bildsprache, die den Ausdrucksformen seiner Malerei die Basis geben, um daraus Bildkompositionen zu entwickeln, die letztlich in ihrer Geschichte auch eine übergeschichtliche Präsentation von Malerei als solches thematisiert. Dies wird besonders sinnfällig in den Arbeiten, in denen Eckart Roese Bilder aus mehreren für sich eigentlich abgeschlossenen Bildelementen zusammensetzt. Dies geschieht dann nicht nur auf der Basis einer gemeinsamen Leinwand sondern durch Kombination unterschiedlicher Leinwandbilder zu einem Thema wie die Amazonenschlacht, die er aus mehreren Elementen wie ein Kollagebild zusammenfügt, die bewusst nicht mit den „korrekten“ Anschlüssen arbeiten aber ein Thema wie in einer Serie gleichsam in Variationen durchspielen und erarbeiten.

In diesen mehrteiligen Arbeiten, die zum Teil ganz verwirrende fast in die Abstraktion sich verwandelnde Bildmotive darstellen, wird deutlich, dass der Ursprung der Thematik in Eckart Roese‘s Bildern nie das Thema sondern immer die Maßgabe der malerischen Ausdrucksform ist, die er bewusst in der Verzerrung durch die Aneinanderfügung scheinbar unvereinbarer Elemente aus dem reinen Duktus der Erzählung befreien und unter die Maßgabe von bildgestalterischer Komposition neusetzen will.

In seiner Arbeit der vierteiligen „stürzende Amazone“ von 2007 werden dann die im jeweils Einzelnen der vier Werke thematischen Bewegungsstrukturen, Linienführungen und plastischen malerischen Elementen so miteinander in Beziehung gesetzt, dass das Bild gleichsam in eine vibrierende Bewegung gerät, die sich aus den unterschiedlich aneinander angrenzenden Elementen entwickelt und das Thema des Kampfes und des Sturzes auch als „aus den Fugen geratene Realität“ visualisiert.

Was in diesen mehrteiligen Gemälden auch deutlich zum Ausdruck kommt ist, dass Eckart Roese’s Vorgehensweise mit Themen und Motiven immer eine serielle ist. Er formuliert nie das eine endgültige Bild sondern er setzt sich immer wieder neu mit den Themen und den Bildfindungen auseinander und entwickelt über unterschiedliche Zeiträume Serien, Variationen und Modifikationen von Themen, die sich zum Teil dann auch miteinander verweben und in unterschiedlichen Strukturen neu zusammen definieren. Daraus entsteht ein gleichsam unbegrenztes Kontinuum von Farb-, Zeichnungs- und Erlebnisräumen in der Malerei, die Eckart Roese dann mit seinen zwar am Gegenstand orientierten aber durchaus nicht unter der Maßgabe des Realismus konzipierten Figürlichkeiten bevölkert, die wie aus einem Körperkosmos auferstanden zu sein scheinen.

Allen Arbeiten aber ist eine sehr hohe Intensität emotionaler Verarbeitung gemeinsam, die einhergeht mit einer virtuosen Farbigkeit und einer expressiven Linienführung, die immer wieder aufs Neue auf der Bildfläche ein irritierend explosives Gemisch von Abstraktionen und Gegenständlichkeiten hervorruft, die allesamt einen fast skulpturalen, weil dreidimensionalen, Bewegungsimpuls vermitteln, der sich durch die Verknüpfung von Linie und Farbmaterialität in den Bildern immer wieder neu thematisiert. Unterstützt wird dies durch die Körperlichkeit, die in den Darstellungen immer wieder hervor scheint, auch wenn der Grad des Realismus immer nur so weit ausgearbeitet ist, dass er die Bildkomposition in ihrer abstrakten Qualität nicht zerstört.

Eckart Roese’s Malerei, die er als sanguinisch bezeichnet ist von daher gesehen tatsächlich eine Malerei eines Gefühlstemperamentes – so wie die Sanguinik sie beschreibt. Ein Gefühlstemperament zwischen Leichtigkeit und Expression, das sich immer wieder neu im Kontext der Bildfläche ein Forum schafft, Geschichten über Malerei zu erzählen, die sich aus dem breiten Spektrum menschlicher Erfahrung und Erinnerungen speisen. 

 Dr. Gabriele Uelsberg
Direktorin, LVR-LandesMuseum Bonn

 

Zeichnung, Detail, 2002

Sanguinische Malerei
von Eckart Roese

Als ich die Sanguinische Malerei entwickelte bestand meine Intention darin, Gegensätzlichkeiten in der Malerei miteinander zu versöhnen: Auf der einen Seite die dichte, sehr präsente Ölmalerei, auf der anderen Seite das zarte, flüchtige Aquarell bis hin zur Zeichnung.

Auf der Basis einer wässrigen Pigmentdispersion entstand eine kraftvolle, energiereiche, schwungvolle Malerei, die gekennzeichnet ist durch brillante Farbigkeit und impulsiven Pinselduktus. Eigentlich handelt es sich um eine Pinselzeichnung auf Leinwand, deren Farbauftrag dünn und deren Linie flüchtig und spontan ist.

Nach dem französischen Philosophen J.-F. Lyotard ist die Zeichnung aufgrund ihrer Unmittelbarkeit und Uranfänglichkeit (Höhlenzeichnungen) anderen Künsten vorgeordnet.

Schon 1996 bezieht sich Ulrich Schreiber in der Frankfurter Rundschau auf meine Ausstellung "Unterwegs" und spricht von der spielerischen, zeichnerischen Leichtigkeit meiner Malerei, die aber damals noch unmittelbar aus der Öltube erfolgte.

Dr. Olaf Cless erwähnt 1997 in den "Düsseldorfer Heften" die Sanguinische Malerei bezogen auf meine vielbeachtete Ausstellung "Schnee verwandelt sich in Blüten" im Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf.

Die Themen, die ich in der Sanguinischen Malerei behandle entstammen zum einen der Mythologie (Malerische Interpretationen alter Meister nach Rubens und Delacroix) zum anderen dem rein Empirischen. Sie werden in Serien behandelt, und so lange wiederholt, bis das Sanguinische allmählich ermattet.

Eckart Roese

Atelier, Düsseldorf, 2018

Heilige und Halbgötter kämpfend in starken Farben
von Sandra Grünwald

Sie leuchten fast schon, die Bilder von Eckart Roese. Intensiv setzt der Düsseldorfer Künstler die Farben ein, so als ob sie auf der Leinwand in einen Kampf treten, der den Blick des Betrachters anzieht, vielleicht ein wenig zu verwirren sucht und in jedem Fall fesselt. So ist der Titel der neuen Ausstellung, die bis zum 7. April in der Galerie Art-Eck in Gräfrath zu sehen ist, entsprechend gewählt: Kampf der Farben.

Der Intensität der Farben in den Werken Roeses passt zu den Motivein, die sich Eckart Roese überwiegend in der Mythologie und der Religion sucht. Ein Triptychon hat er dem Kampf Jakobs mit dem Engel gewidmet. Die drei Bilder zeigen deutlich den Verlauf des Kampfes, der sich von einem wilden Gegeneinander zu einer Umarmung wandelt. Bei diesen drei Bildern kommt auch klar der lebhafte Malstil zur Geltung, den Roese gerade in der letzten Zeit entwickelt hat. So arbeitet der Künstler mit Tusche und Ölfarbe. „Ich bewege mich zwischen der Leichtigkeit des Aquarells und der Dichte der Ölfarbe.“ In dem Triptychon setzt er die Tusche ein, um das geistige Moment darzustellen und die Ölfarbe, um dem Körperlichen Ausdruck zu verleihen.

Auch Daniel in der Löwengrube inspirierte Roese zu zwei kleinformatigen Bildern. Großformatig dagegen ist sein Herkules, den er auf eine Leinwand von zwei mal 2,10 Meter gemalt hat. Hier ist Orange in allen Nuancen der beherrschende Farbton. Herkules strotzt vor Kraft, die Muskeln sind herausgearbeitet, und das gesamte Werk beeindruckt nicht nur durch seine Größe, sondern auch durch die Ausdruckskraft der Farben. Eckart Roese, der an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart und an der Kunstakademie Düsseldorf bei Professor Markus Lüpertz studierte, macht sich mit jeder Leinwand neu auf den Weg. Wenn er ein Bild beginnt, ist unklar, wohin es ihn führt. „Man weiß nicht, was man malt. Das entwickelt sich erst während des Prozesses”, erklärt er. Da kann schon mal ein Tiger zu einer Landschaft werden, ein Stillleben zu einem springenden Pferd.

Eckart Roese geht es um den „inneren Menschen“ und um die Orientierung, die in einer Zeit großer Orientierungslosigkeit häufig auch Künstlern zu fehlen scheint. „Dieses Fehlen spiegelt sich in der Kunst wider“, sagt Roese, „ich finde das schade.“

Der Künstler, der auch Porträts malt und bereits viele bekannte Persönlichkeiten für die Nachwelt festgehalten hat, stellte für die Gräfrather Ausstellung fünfzehn seiner neuesten Werke zum „Kampf der Farben" zusammen.

Die Ausstellung ist am 2. und 3. März von 11 bis 15 Uhr sowie jeden Freitag (außer Karfreitag! von 14 bis 19 Uhr geöffnet.

Sandra Grünwald, 2013

Solinger Morgenpost, Rheinische Post, 01.03.2013